Der Postzusteller August Resch

Eine ordentliche Ausbildung hatte er genossen, der Schuhmacher August Rech. Bei der Offenbacher Schuhfabrik Hassia zählte er zu den Spitzenverdienern mit über vierzig Reichsmark in der Woche. Doch bei anhaltend schlechter Wirtschaftslage war er einer der ersten, der entlassen wurde. August Resch war ledig und hatte keine Kinder zu versorgen.
Mit 5,50 Mark Stempelgeld musste er sich stark einschränken und war froh, als er schließlich als Postprivatbediensteter eine Anstellung bekam. Zwar konnte er, inzwischen verheiratet, über einen Wochenlohn von fünfzehn Reichsmark verfügen, doch im Überfluss lebte die Familie davon aber nicht.
Militärisch ging es zu, erinnerte er sich bei einem Gespräch im Jahr 1982. Mit den Worten „Zusteller Resch meldet sich zum Dienst“ oder „Zusteller Resch vom Postgang zurück“, musste er beim Betreten des Postzimmers zuerst beim Poststellenleiter vorstellig werden.
Wie sah der Alltag eines Postzustellers in den 30er Jahren aus ?
Schön früh am Morgen, wie die meisten Arbeiter und Bauern im Ort auch, stand August Resch auf um seinen langen Arbeitstag zu beginnen.
Eine der ersten Amtshandlungen war das Leeren der vier öffentlichen Postbriefkästen im Ort, die anfangs blau, ab 1934 rot, nach 1945 gelb lackiert waren. Zurück in der Poststube wurden die Postsachen mit dem Tagesstempel versehen. Als in Dudenhofen seine ersten öffentlichen Postbriefkästen erhielt,  war die erste Leerung um 8 Uhr in der Frühe. Doch schon bald wurde es notwendig die Postsachen bereits um 6 Uhr aus den Kästen zu holen.
Nun musste der große Postkarren gepackt und zum Bahnhof geschoben werden, denn der 8 Uhrzug von Offenbach brachte auch die Postsendungen. Um diese Uhrzeit war der Karren nie besonders voll, denn der Postbedienstete hatte ja nur die Post mitgenommen, die für die Richtung Ober-Roden, Dieburg, Reinheim und Reichelsheim bestimmt war. Wenn der Zug Verspätung hatte, was besonders im Winter häufiger der Fall war, durfte sich Resch im Amtszimmer des Stationsvorstehers aufhalten, was Privatpersonen strengstens verboten war.
Beim Eintreffen des Zuges wurde der Postkarren zum letzten Eisenbahnwagen gerollt, denn der Postwagen war grundsätzlich als letzter Wagen an einen Zug angehängt. Zuerst wurde die Post ausgeladen, Wertpapiere unter vier Augen übergeben, Paketkarten mit den Paketen verglichen und Einschreiben ins Postbuch eingetragen. Gleiches erfolgte mit den abgehenden Sendungen. War dies erledigt schob Resch den Karren zurück zur Postdienstelle.
Einmal im Monat lag die Geldkiste mit den Rentengeldern obenauf. An eine Begleitperson zur Bewachung des Geldes oder der Wertbriefe dachte niemand. Es soll auch niemals Geld abhanden gekommen sein.
In der etwa 16 Quadratmeter großen Poststelle wurden nun die Postgüter sortiert und für die Zustellung vorbereitet. Bevor er sich auf den Postgang begab, musste Resch noch den Briefkasten vor dem Postamt leeren und schnell zum Bahnhof radeln, denn der 10 Uhr Zug sollte die Briefe mit nach Offenbach nehmen.
Gegen 10 Uhr 25 meldete sich der Zusteller Resch dann beim Vorgesetzten zum Postgang ab. Mit einem alten Dienstrad und gefüllter Posttasche machte er sich,  fröhlich seine Zigarre paffend, auf den Weg durch den Ort.
Da Briefkästen oder besondere Briefschlitze an den Türen der Privathäuser nur sehr selten waren, wurden Briefe einfach unter dem „Türschlitz“ durchgeschoben, oder direkt im Haus abgelegt. Oft aber übergab der Zusteller die Postsachen in der Küche. So gab es kaum jemanden im Ort, der einen solch intensiven Einblick in die Familien hatte, wie der Postzusteller. Er brachte freudige und traurige Nachrichten in die Familien, kassierte die Rundfunkgebühren (1932 waren in Dudenhofen 16 Radios gemeldet, 1950 hatten von etwa 2500 Einwohnern rund 700 ein Radio), lies sich die Aushändigung von Einschreiben und Wertbriefen quittieren. Und dabei hatte der leidenschaftliche Zigarrenraucher immer einen Stumpen im Mundwinkel.
Einmal hielt ein Auto neben dem Zusteller Resch. Ein Postbediensteter in Zivil stieg aus und verbot ihm das Rauchen während der Dienstzeit. Darauf entgegnete ihm August Resch: „Wer mir das Rauchen verbietet, der soll auch meine Post austragen“. Aber dazu hatte der Postler aus Offenbach offensichtlich keine Lust. So rauchte August Resch weiter, bis zu seiner Pensionierung.
Und Anstoß an seiner Zigarre hat in Dudenhofen wohl niemand genommen.