Geschichtsverein Dudenhofen präsentiert die Ausstellung:

"Vaterland - eine Autopsie der Erinnerung" --- 05.Juni 2016 bis 31.Juli 2016 ---

„Vaterland“ in Rodgau.
Eine deutsche Künstlerin aus Paris verwandelt die alte Synagoge in Weiskirchen in ein gutbürgerliches Wohnzimmer aus den dreißiger Jahren. „Vaterland“ ist eine künstlerische Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit.
Der Heimatverein in Dudenhofen hatte Katrin Jakobsen eingeladen ihre Installation in der ehemaligen Synagoge zu zeigen, Bürgermeister Jürgen Hoffmann und der neue Kulturdezernent Winno Sahm eröffneten die Ausstellung. Für Sahm ist dies die erste Kunstausstellung seit Amtsantritt. In seiner Rede begrüßte er die Initiative des Heimatvereins Dudenhofen, die alte Synagoge als Ausstellungsort für ein Thema wie „Vaterland“ gewählt zu mit der Hoffnung, dass die Synagoge in Zukunft mehr für Veranstaltungen genutzt wird. - „Diese mutige Ausstellung ermöglicht die gerade heute so wichtige Auseinandersetzung mit der Geschichte als Ganzes“, erklärte Bürgermeister Hoffmann. „Hier wird über ein kleines Schicksal hinausgegangen, groß gemacht und dann wieder runter projiziert auf das eigene Leben“. Wer in diesen Tagen die alte Synagoge in Weiskirchen besucht, hat eher das Gefühl in die gute Stube eines Unbekannten einzutreten als in ein ehemaliges Gebetshaus.
Die Installation „Das Wohnzimmer“ täuscht Gemütlichkeit vor: das Biedermeier-Sofa, die Bilder an den Wänden, der handgestickte Haussegen, Nippes-Figürchen, der Duft von Bohnerwachs, alles wirkt zunächst harmlos. Erst beim näheren Hinsehen entdeckt man die dunklen Zeichen des dritten Reichs die sich in der Einrichtung verstecken. So kommt zum Beispiel die Schlagermusik aus den 30ern aus einem Volksempfänger. Katrin Jakobsen hat den Raum in der Mitte geteilt, in das „Wir“ und die „Anderen“, wie sie es nennt. Für die Tapete auf der einen Seite hat sie ein Muster aus den Streifen der Gefangenen-Kleidung in den KZs und einem dekonstruierten Davidstern entworfen, auf der anderen ahnt man ein zerlegtes Hakenkreuz. Der Auslöser für die Arbeit war ein winziges Kriegstagebuch das nach dem Tod des Vaters plötzlich auftauchte. - „Mein Vater wurde 1926 geboren und ist dadurch im Nazi-Deutschland aufgewachsen. Er war mit Sicherheit ein begeisterter Hitler-Junge.
Erst bei Kriegsende wurde ihm klar, dass er nicht, wie ihm immer eingeredet wurde, zu den Guten gehörte, sondern zu den Bösen. Er hat aber nie über die Zeit geredet. Und ehrlich gesagt habe ich wohl auch nicht gefragt, wir hatten ein eher schlechtes Verhältnis“, bekennt Jakobsen. Im Raum schwebt die Skulptur „Vaterlandschaft“. Sie stellt Vater Karlheinz als Zehnjährigen dar, bedeckt von einem Leichentuch das die Künstlerin selbst aus seinen Schlipsen genäht hat. Der Vater ist allgegenwärtig. So auch in der Serie falscher Propaganda-Poster die auf den ersten Blick wie richtige Nazipropaganda aussehen – und auch so wirken sollenl. -
„Ich möchte zeigen, dass auch wir uns heute immer noch manipulieren lassen und fragwürdige Informationen einfach nachplappern ohne sie zu hinterfragen“, sagt Jakobsen und gibt zu, dass auch sie oft viel zu leichtgläubig ist. Die Ausstellung ruft bei vielen Besucher starke Gefühle hervor, denn in fast jeder deutschen Familie gibt es eine unausgesprochene Geschichte aus der Nazizeit. Da die damalige Generation es generell vorzog über die Vergangenheit zu schweigen und nun auch bald die letzten Zeitzeugen nicht mehr da sein werden, ist es höchste Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. - „Das ich „Vaterland“ in der ehemaligen Synagoge zeigen darf, ist eine wunderbare Möglichkeit mich noch einmal dem Grauen des dritten Reichs zu stellen. Ich habe mich immer geschämt Deutsche zu sein, obwohl ich erst 1958 geboren bin. Aber durch diese Arbeit, ich nenne sie auch eine „Autopsie der Erinnerung“, habe ich Frieden geschlossen. Nicht nur mit meinem Vater, sondern auch mit der deutschen Geschichte.“


Fotos


Vernissage


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In vielen deutschen Familien war die Zeit des Nationalsozialismus und die Kriegsteilnahme des Familienvaters tabu. Die Nachkriegsgeneration wuchs in einem vorherrschenden Nachkriegs-Schweigen auf und wurde erst durch den geschichtsaufarbeitenden Unterricht in den 70er Jahren mit den Vergehen des dritten Reiches konfrontiert. Für viele Menschen in dieser Generation entwickelte sich daraus ein tiefsitzendes Nation-bezogenes Schuldgefühl. Man schämte sich Deutscher zu sein und bevorzugte seine Nationalität zu verbergen. Dem Heimatverein Dudenhofen ist es gelungen die Ausstellung "Vaterland" der deutschen Künstlerin Katrin Jakobsen im Rodgau zu organisieren. Als Ausgangspunkt nahm die Künstlerin einen kleinen Kalender von 1945, das Kriegstagebuch ihres damals 18jährigen Vaters Karlheinz. Als Hitler an die Macht kam war der Vater gerade 7 Jahre alt. Drei Jahre später trat er in die Hitlerjugend ein. Wie tausende andere kleiner Jungen unterwarf sich Karlheinz - wahrscheinlich sogar gerne - der fast schon militärischen Ausbildung, in der es zwischen Gehorsam und eingeübten Parolen keinen Platz für eigene Überlegungen gab. Seine Jugend im Naziregime endete am 8ten Mai 1945 als Karlheinz - nur ein paar Tage nachdem er seine Luftwaffengrundausbildung abgeschlossen hatte - in russischer Gefangenschaft. In verschiedenen Werken, die in der Ausstellung zu sehen sind, lässt Katrin Jakobsen die Vergangenheit aufleben, aber nur um sie auf die Skala einer persönlichen Chronik zu bringen. Für ihre Friedensbotschaften der Plakat-Serie "Gefälschte Propaganda" nutzt sie - genau wie für alle anderen Arbeiten- Kinder- und Jugendfotos vom Vater und dekonstruiert die Typographie und Bildsprache des dritten Reichs. Es wird versucht, eine parallele Vergangenheit zu schaffen, indem der Kodex der damaligen Zeit umgedeutet wird. Die Künstlerin will Frieden schließen mit der eigenen und der deutschen Geschichte, aber ohne irgendjemanden die Absolution zu erteilen. Frau Jakobsen sagt: "Man hat immer eine Wahl; was aber nicht bedeutet, dass man wissen kann welche die richtige ist."