Geschichten von Klaus Becker

Guten Tag,
mein Name ist Klaus Becker (geb. 10. Juni 1938 in Darmstadt).
Ich war am 1. Dez. 2017 zu einem Adventstreffen bei Günter Heller (wir sind sogenannte „Nachgeschwisterkinner“) zu einem Adventstreffen eingeladen.
Dabei habe ich einen Zeitungsartikel über den Heimatverein. Dies hat mich dazu angeregt, Ihnen zu schreiben.
Vielleicht wären einige Erzählungen von mir über meine Jugend in Dudenhofen von Interesse.
Dazu vorher einige Daten:
Beide Elternteile stammen aus Dudenhofen.

Mein Vater Karl Wilhelm Becker

geboren am 24.3. 1909 +07. 04. 2001 in Darmstadt, wurde im Dudenhöfer Bahnhaus geboren.
Sein Vater Heinrich Becker (* 23.04.1866 in Aumenau /Oberlahnkreis +05.07.1940 in Frankfurt/Main) verh. (19.11.1892) mit Lisbeth geb. Schmidt (* 29. 08.1871 in Gräveneck/Oberlahnkreis +26. 02. 1928 in Dudenhofen) war Bahnvorsteher in Dudenhofen.
Daher auch genannt „der Bahnverwalter`sch" Karl.
Er hatte die Geschwister Minna (verh. Roth), Emmi (verh. Burbach), August (gefallen im Ersten Weltkrieg – sie finden seinen Namen noch auf dem Kriegerdenkmal am Eingang des Dudenhöfer Friedhofes) und Hilde (verh. Friedrich). Ein Foto anlässlich der Silbernen Hochzeit vor dem Eingang des Bahnhofes habe ich noch.
Mein Vater hat mir noch folgendes erzählt:
Sein Vater ging abends mir einer brennenden Petroleumlampe zu den jeweiligen Signalen um diese dann zum Signalarm hochzuziehen. Dabei folgte ihm täglich der hauseigene Kater auf einem Schienengleis. Natürlich war der Bahnhof auch ein Spiel-Eldorado für die Kinder. So z. B. wurde in der verkehrsarmen Zeit mit der handbetriebenen Draisine auf den Schienensträngen umhergefahren. Der Bahnhof hatte mehrere Gleisanschlüsse auch mit Auffahrrampen und am Ende Prellböcke, da im Dudenhöfer Wald zu der Zeit viel sogenanntes Grubenholz geschlagen wurde das dann am Bahnhof auf Güterwaggons verladen und ins Ruhrgebiet geschickt wurde. Am Ende eines jeden Güterzuges befand sich ein Bremswagen. An dessen Ende war hoch oben ein Bremserhäuschen in dem ein Mann saß, der bei Bedarf per Hand und Kurbelrad zusätzlich bremsen mußte. Da ließ es sich herrlich klettern. Er berichtet mir auch von einem tragischen Unfall. Die Kinder hatten mit vereinten Kräften einen Güterwagen zum Rollen gebracht. Ein Junge zog rückwärtsgehend an einem Puffer. Unbemerkt nähernden sie sich einem Prellbock. Der Junge kam mit dem Kopf zwischen Puffer und Prellbock und wurde zerquescht. Wie der Name des Jungen war ist mir leider entfallen. Übrigens, die o. a. erwähnte Familie Roth (Mainz) hatte in Dudenhofen gegenüber dem Bahnhof Richtung Dorf eine Fabrik in der Bett Sprungrahmen hergestellt wurden. Von mir gerne besucht um bei den Arbeiten zuzusehen.

Meine Mutter Anna Katharina, genannt Heller's Annche

geboren am 11.09.1912 in Dudenhofen  +27.08.2003 in Höchst im Odenwald. OT Mümling-Grumbach.
Ihre Eltern waren Philipp Kratz VII. (* 08.06.1886 in Dudenhofen + 30.04.1975 in Darmstadt), Maurer auch genannt „Heller`s Philipp verh. (20.08.1911) mit Margarete geb. Heller (*24.07.1885 in Babenhausen + 22.05.1965 in Dudenhofen) genannt „die Heller`s Gret.
Sie war als gute Köchin bekannt und wurde gerne bei großen (Bauern-) Hochzeiten als Hilfe engagiert.
Dazu folgende Geschichte:
In der Dudenhöfer Gemarkung (insbesondere in den sogenannten „Lännern“ entlang der Rodau Richtung „Gießem“) wuchs wild immer reichlich Meerrettich. Der wurde gerne gestochen und viel verzehrt. Es ging das Wort um: „Die Dudehäiwer fresse de Meerrettich schubkarrnweis`).
So war das typische Dudenhöfer Hochzeitsessen: Rindfleischsuppe, gekochtes Rindfleisch mit Meerrettich und dazu Weißbrot. Allerdings wurde der geputzte Meerrettich nicht gerasspelt sondern in kleine Stücke geschnitten, gekocht und in weißer Soße serviert die mit so viel verquirlten Eiern verfeinert war dass sie quittengelb aussah. Die Schärfe des Meerrettichs war allerdings auch hin. Es schmeckte eher wie Schwarzwurzeln.
Mein Großvater mütterlicherseits (Daten siehe oben) war wie erwähnt Maurer und zeitlebens bei einer Baufirma in Offenbach beschäftigt. Zeitlich früh ging er morgens aus dem Haus und fuhr mit der Bahn nach Offenbach und kehrte gegen Abend wieder zurück. Damals noch mit einem Rucksack auf dem „Buckel“. Darin sein Werkzeug wie Wasserwaage, Lot, Kelle und Maurerhammer. Dazu natürlich das Essgeschirr in das die Oma am Abend vorher die Mahlzeit (Kartoffeln, Gemüse und Fleisch) eingefüllt hatte und das dann morgens griffbereit auf dem Küchentisch stand. Auf den Baustellen war es üblich, dass ein Lehrling morgens zwischen Steinen ein Feuer entzündete über dem dann eine flache mit Wasser gefüllte Wanne stand. Darein stellte jeder Arbeiter seinen „Henkelmann“ damit bis zum Mittag das Essen wieder warm war. Dazu noch schnell eine Begebenheit: Opa trank morgens vorm Weggehen eine Tasse Pfefferminztee (Pfefferminze wuchs im Hausgarten). Die Tüte mit dem getrockneten Tee war zwischen Küchenschrank und Wand eingeklemmt. Eines Tages fiel der Oma auf, dass in der leeren Teetasse immer noch ein erheblicher Rest Zucker vorhanden war. Abends zur Rede gestellt woher er den Tee nahm zeigte er auf eine Tüte. Nun war es so, dass auch eine zweite Tüte dort steckte in der getrocknete Sellerieblätter waren (für Suppen und Soßen).
Opa hatte im morgendlichen „Tran“ die Tüten verwechselt und demnach Sellerie aufgebrüht. Da dieser so herb war, hatte er mit reichlich Zucker gesüßt. Kommentar: Deshalb war der immer so sauer“!

Die Eltern von Opa und Oma

Kratz, Philipp Ludwig, Schmiedemeister (*11.03.1850 in Dudenhofen +15.02.1917 in Dudenhofen),
weitere Vorfahren Kratz und Mahr - verh. (19.04.1874) mit Anna Margarete geb. Resch, Hausfrau (*08.031852 in Dudenhofen +19.03.1918 in Dudenhofen)
weitere Vorfahren Erb, Klein.
Meine Großmutter mütterlicherseits (Daten siehe oben), Hausfrau und Köchin.
Heller, Johann Christian, Gastwirt (*03.10.1861 in Aufkirchen Unterfranken/Bayern + 13.02.1911 in Dudenhofen) – verh. (188? In Höchst) mit Eva Katharina geb. Stockum (*14.06.1903 in Höchst i- Odw. - + 12.05.1903 in Dudenhofen).
Christian Heller hatte Bierbrauer gelernt. Er arbeitete später bei der Familie Michel in Babenhausen (Michelsbräu).
Danach bekam er von der Brauerei in Dudenhofen das Gasthaus „Michelsbräu“ als Pächter.
Zu sehen in dem Buch „Dudenhofen wie es einmal war“, Seite 190.
Die ganze Familie sehen sie im gleichen Buch auf Seite 233.
Zu sehen sind: Obere Reihe von links Oma Margarethe, Philipp, August, Wilhelm (Opa von Günter Heller), Anna. Mittlere Reihe von links Katharina, Elise, Christian Heller, Eva. Untere Reihe auf dem Schoß von Katharina= Käthe (Kätchen) die uneheliche Tochter von Oma Margarethe (Vater Liller im 1. Weltkrieg gefallen) und Johann.
Die Mutter ist nicht mehr zu sehen, da sie im „Kindbett“ des jüngsten Kindes verstarb.
Meine Oma mußte als älteste Tochter die Mutterrolle übernehmen, führte den Haushalt und half in der Gaststätte.
Dazu erzählte sie:
Im Hof lag immer ein großer Haufen feiner Rheinsand. Wozu? Erstens wurden die Holztische immer mit dem Sand und der Wurzelbürste blank gescheuert (Scheuersand). Zweitens waren die Holzdielen der Gaststätte mit Sand ausgestreut. Die Bauern, Handwerker und Arbeiter haben zu der Zeit nicht nur ihren Stumpen oder die Pfeife geraucht – nein es wurde auch „geschort“, d. h. gepriemt, also Kautabak. Und es wurde gespuckt und zwar auf den Boden. Samstags wurde dann die Gaststätte sauber gekehrt und neu mit Rheinsand eingestreut.
Mit freundlichem Einverständnis von Klaus Becker veröffentlicht hier der Verein "Heimat Geschichte & Kultur in Dudenhofen e.V." kleine Geschichten und Anekdoten, die von Ihm selbst verfasst wurden