Die Kratzen's

Der Urgroßvater war Dorfschmied in der Hauptstraße in Dudenhofen.
Wir haben ein kleines Spritzguss-Ührchen mit einem feinen hellen Klang. Dazu erzählte meine Mutter folgende Geschichte: Gegenüber der Schmiede wohnte eine sehr arme und kinderreiche Familie. Eines Tages campierten dort Zigeuner in ihrem Pferdewagen. Abends stritten sie sich untereinander lautstark. Einer der Söhne der armen Familie hetzte sein Bruder auf, dort Ruhe zu stiften. Daraufhin schoss dieser mit einem Gewehr durchs Wagenfenster. Eigentlich ist nichts Besonderes passiert, aber der Schütze floh in Panik und kam nie mehr zurück. Wahrscheinlich ist er nach Amerika ausgewandert. Durch die fehlende Arbeitskraft ging es der Familie dann noch schlechter und Hunger war ständiger Gast. Da der Urgroßvater nebenbei noch 6 – 7 Ziegen hielt, schickte er jeden Abend eine Kanne Ziegenmilch für die Kinder zur Familie. Eines Tages schenkte ihm diese Familie dieses Ührchen, das einer der männlichen Mitglieder vom 1. Weltkrieg aus Frankreich als „Beute-Erinnerungsstück“ mitgebracht hatte.
Der Großvater war ein einfacher Mauerer, der es mit der „Heller-Gret“ auch nicht einfach hatte. Jeden Morgen fuhr er frühzeitig, den Rucksack mit Essenstender, Wasserwaage, Kelle, Hammer und Lot auf dem Rücken mit der Bahn nach Offenbach. Im Winter arbeitete er im Dudenhöfer Gemeindewald (Kiefernholz für Grubenholz) als Holzfäller oder Zapfenpflücker.
(Die Oma arbeitet auch im Pflanzgarten.)
Da der Opa sehr früh aufstand, fachte er das Feuer im Küchenherd neu an und machte sich seinen Tee selbst. Die Großmutter hatte zwischen dem Küchenschrank und der Wand zwei große Papiertüten geklemmt. Eine mit getrockneten Pfefferminzblättern und eine mit getrockneten Sellerieblättern für die Suppe. Nach einiger Zeit wunderte sie sich, dass in der leeren Teetasse morgens immer noch so viele Zuckerreste drin waren. Also frage sie: „Wo nimmst du denn morgens immer Deinen Tee raus?“ „Ei aus der Dutt!“ Es war die Tüte mit den Sellerieblättern! Daher der viele Zucker.
Wenn Großvater nach Hause kam, ging er erst in die Waschküche, legte dort den Rucksack ab, zog die Schuhe aus und wusch sich mit nacktem Oberkörper. Die dreckigen Maurerschuhe blieben draußen. Eines Tages klagte er, dass ihn der eine Schuh den ganzen Tag gedrückt habe. Als er ihn auszog, stellte man fest, dass über Nacht eine Maus dort ihr Nest gebaut hatte in dem auch ihre neugeborenen Jungen lagen. Opa war ohne zu gucken reingeschlüpft und wunderte sich den ganzen Tag dass der Schuh drückte! Übrigens. Opa hatte immer raue, rissige Hände. Zu der Zeit mussten die Maurer noch frischen Kalk löschen. Wenn er vom Waschen kam, ging er zum Küchenschrank. Dort stand immer ein Schmalzdippchen zum Kochen. Er griff hinein und cremte die rauen Hände mit Schmalz ein!
Neben den Enten/Hühnern und Hasen hatten die Großeltern auch ein Schwein und eine weiße deutsche Ziege, jedes Jahr mit Lamm. In den Ferien war es dann meine Aufgabe mit der Ziege und einer großen Leinentasche in die Gemarkung zu gehen, um Hasenfutter zu holen und dabei die Ziege weiden zu lassen. Mit den Ziegen hatte ich es gerne zu tun. Wir unterhielten uns: Ich lernte gut meckern und sie gaben Antwort. Nach einer Gewöhnungszeit konnte ich sie frei laufen lassen. Die Ziegen blieben immer in der Nähe. Manchmal legte ich mich in das Gras, schloss die Augen und blieb stumm. Die Ziege fraß, schaute nach einiger Zeit zu mir hin und meckerte. Ich gab dann keine Antwort und stellte mich tot. Daraufhin kam sie herbeigerannt und schnupperte so lange in meinem Gesicht herum, bis ich lachen musste und auch wieder meckerte. Beruhigt ging sie daraufhin wieder zum auserwählten Futterplatz. Beim Hasenfutter war ich dagegen nicht so eifrig. Hauptsächlich Löwenzahn und Schachtelhalm sollte gesammelt werden. Das war langweilig. Und so wurde das Futter recht aufgeschüttelt dass es locker war und die Tasche schnell voll. Damit ich nicht dauernd die schwere Tasche tragen musste baute mir mein Bruder Gerd einen Wagen. Auf ein Kinderwagen-Untergestell montierte er eine Kiste. Für die Ziege wurde ein Brustgeschirr genäht. Dazu eine kleine Peitsche (zur Dekoration) gefertigt. Der Wagen erhielt eine Deichsel zum Lenken und Haken zum Einhängen des Zuggeschirrs. So ausgerüstet zog ich dann gerne los.
Auch im Hof hatte ich immer mit der Ziege zu tun. Ich lehrte sie boxen indem ich mit der Hand gegen die Hörner stieß – so lange bis sie auch in die Höhe stieg und mit dem Kopf stieß.
Ein harmloses Vergnügen das nicht ausartete. Anders war es dagegen, dass ich ihr beibrachte wie sie die steile Stiege zum oberen Teil des Seitenbaues hochklettern konnte. Eigentlich war dies auch nicht so tragisch. Aber! Neben und hinter dem Hof war noch (außer den sogenannten „Ländern“) ein Hausgarten. Dort waren Salate und Kräuter, sowie Johannis- und Stachelbeeren angepflanzt. Ein Stück hatte der Opa frei zur Anpflanzung von Tabak. Der wurde dann sorgsam geerntet, auf Kordel in Reih und Glied aufgefädelt und zum Trocknen im Oberstock des Seitenbaues aufgehängt(Scheuerbambler). Später wurde er fermentiert, gerollt und in Streifen geschnitten. Es gab Bastler, die hatten sich aus Rohr und Messer ein Schneidemaschinchen gefertigt, um dann Feinschnitt (für selbst gedrehte Zigaretten) oder Krüllschnitt und Grobschnitt zu schneiden. Diesen Tabak rauchte Opa in der Pfeife. Und jetzt kam`s. Bei den nächsten Ferien wurde ich wieder freudig von der Ziege begrüßt. Denn während meiner Abwesenheit musste sie im Stall bleiben da sonst niemand Zeit dazu hatte mit ihr weiden zu gehen. Wir spielten miteinander. Zwischendurch ging ich ins Haus um mit der Oma ein Marmeladenbrot zu essen. Als wir wieder heraus kamen, schaute die Ziege im Obergeschoss aus der offenen Lade und ich konnte gerade noch das letzte Blättchen Tabak in ihrem Maul verschwinden sehen. Der ganze Tabak war gefressen! Ziegen sind an sich sehr wählerisch im Fressen und treten auch manches Futter unter. Aber der Tabak schmeckte wohl. Wenn man bedenkt, dass ein Gramm Nikotin tödlich ist und die Ziege viele Kilo Tabak gefressen hatte! Es tat ihr nichts – noch nichts! Als der Opa abends kam, waren wir beide reif. Ziege und Klaus, beide bekamen sie ihr Fett weg und nicht so ohne! Seitdem kam der Großvater abends nach Hause, ging vorm Waschen in den Garten und machte vom Tabak die untersten Blätter ab – ob gelb oder grün, egal. Diese kamen auf ein Backblech und wurden im Küchenherd bei offener Klappe in den Backofen gesteckt und bis Opa gewaschen war waren diese auch dürr. Daraufhin nahm er sie in seine rauen Maurerhände und riwwelte sie durch. So kamen sie dann in die Pfeife. Wir hatten nie Mücken in der Küche und Oma hustete sich kaputt.
Samstags ging es beim Abendessen knapp zu, denn anschließend ging Großvater zum Schoppen. Zuerst zur Verwandtschaft in die „Krone“. Ab meinem 16. Lebensjahr durfte ich mit. Dort bestellte er am Stammtisch heimlich etwas zu essen. Auf einen Wink hin gingen wir beide dann in die Küche, wo es dampfte und brutzelte. Am, schnell aufgeräumten, Küchentisch gab es dann entweder einen großen Ranken Hackbraten oder ein Rumpsteak mit Zwiebeln und Brot. Erst viel später, nachdem das Speisen in der Wirtschaft immer mehr Mode wurde, blieben wir zum Essen am Stammtisch sitzen. Nach dem Essen ging es weiter. Noch mindestens zwei Gaststätten standen auf dem Programm. Überall wurde der Philipp freudig begrüßt und wir wurden in die Unterhaltung mit einbezogen. Man war ja gut bekannt oder auch verwandtschaftlich verbunden.
Nachdem Großvater im Rentenstand war, arbeitet er immer noch weiter. Zusammen mit einem weiteren Maurer-Rentner wurde da mal ein Säustall ausgemauert, dort ein Mäuerchen erstellt usw. Sie wurden die „Zwaa Schnurrbärt“ genannt. Beide trugen stattliche Schnurbärte nach Art des Kaiser Wilhelm. Aber auch vorher schon hat Opa samstags nachmittags und abends noch nebenbei gemauert. Das was er hier verdiente, war sein Taschengeld. Ansonsten kam er am Samstagmittag (später freitags) von Offenbach nach Hause und schmiss seine Lohntüte mit dem gesamten verdienten Geld und der Abrechnung auf den Küchentisch. Oma nahm diese an sich, überprüfte sie und verwaltete das Geld.
Folgende Unterhaltung mit dem vorgenannten 2. Schnurrbart ist mir noch in Erinnerung:
In einer der Gaststätten gab es im Ausschank „Heylandsbräu“, ein Bier, das Großvater nicht besonders schmeckte. Trotzdem ging er wegen der Gesellschaft dorthin. Eines Samstags saß er neben seinem Kompagnon, getrachtete kritisch sein Bierglas und sagte: „Wann des unsern Heiland gesuffe hat – ich waas net!“ Antwort des 2. Schnurrbartes mit hoher Fistelstimme:
„Deshalb is’ er aach so frieh gestorwe!“
Übrigens, wenn Großvater uns in Darmstadt mal besuchte, meist sommers, dann war ein absolutes Muss der „Grohe“ (heute noch existierende Darmstädter Brauerei).  Dort gab (und gibt es noch heute) wunderbare „Haspelcher“.
Opa ein Haspel mit Kraut und Brot sowie gutes Grohe-Bier und für mich eine Portion warme Fleischwurst mit Kraut und Brot und eine weiße Zitronenlimo (ab 16 auch Bier). Und da sehe ich heute noch wie der Opa nach dem Essen seinen Schnurrbart genüsslich leckte. Außerdem hatte er immer ein Handwaschwürstchen einstecken mit dem er zwischendurch mal immer den Schnurrbart bürstete.
Das Leben spielte sich innerhalb des Haushaltes fast nur in der großen Küche ab. Dort brannte der Küchenherd sommers wie winters. Erst viel später kam ein Elektroherd dazu. Im Wasserschiff war ständig warmes Wasser. Im Winter wurden darin auch Äpfel gewärmt oder auch gegart. Ein Topf mit „Muckefuck“ – Malzkaffee wurde auch hin und her geschoben, von der heißen zur warmen Stelle. Manchmal kochte auch der Kaffee, aber mit viel Zucker war auch er zu genießen.
Dann stand da noch ein Sofa sowie ein Opa-Lehnstuhl dessen Rückenlehne mit zwei großen Eisenhebeln an den Armlehnen stufig zu verstellen war. Als Kind für mich ein beliebtes Spielobjekt. Die Hebel waren die Gangschaltung meines Autos.
Im Sommer hing über dem Esstisch ständig ein gut besetzter pappiger Honig-Fliegenfänger, festgemacht an der Decke mit einer Reißzwecke. Eines Tages beim Mittagessen machte es „plopp“ und der Fliegenfänger fiel dem Opa auf den Kopf. Nun klebte er in dem schütteren Haupthaar und im Schnurrbart! Da war was los. Wehe einer hätte gelacht, bis Opa dann endlich wieder vom klebrigen Zeugs befreit war!
Im zeitigen Frühjahr kamen verschiedene Viehhändler mit Pferdefuhrwerken oder kleinen LKW. Großmutter hatte so ihren Stammhändler – nebenbei auch bei den sonstigen fliegenden Händlern wie Tuchhändler mit Nähutensilien, Schürzen, Kleingeschirr und Bürsten. Jedenfalls wurde ein Ferkel gekauft das dann ein Jahr gefüttert wurde. Vier bis fünf Zentner wog solch eine Sau bis zur Schlachtung im Januar/Februar des folgenden Jahres schon. Der Erfolg einer Schlachtung wurde an der Anzahl der Schmalztöpfe abgelesen. Am Schlachttag selbst war viel los. (Siehe auch Artikel über die Schlachtung). Der Hausmetzger kam früh. Das heiße Wasser im großen Kessel in der Waschküche kochte. Erst mal wurde die Sau geschlachtet. Nach einem Jahr im Stall musste sie erst einmal ins Freie. Schon wurde gequiekt. Der Metzger hatte sie an einem Hinterbein mit einem Strick festgebunden. Nun ging’s hinaus. Gleich neben dem Stall war in ca. 2m Höhe in der Wand ein großer Haken einzementiert. Dort wurde das Seil erst einmal eingehängt. Manchmal hieß es zu mir: „Du hältst den Schwanz!“ Das tat ich dann auch.
In der ersten Zeit wurde die Sau noch mit einer großen Axt geschlagen/betäubt. Auch so ein Geschäft! Machte sie nämlich eine unvermutete Bewegung ging der Schlag nicht auf die Stirn sondern aufs Ohr oder sonst wohin. Die Schreierei kann man sich vorstellen. Später war es ruhiger und schneller als der Metzger dann ein Schussgerät hatte. Dann kam das Abstechen. Der Metzger stach mit dem Messer und hielt das Stichloch zu. Eine Person hielt die Blutschüssel und rührte mit einem Holzlöffel das Blut damit es nicht gerann. War die Schüssel voll, wurde das Blut in einen Eimer gekippt. Solange hielt der Metzger den Stich zu. Aber alles musste schnell gehen. Nun wurde gebrüht. Im Hof stand eine große Holzbütte darin das heiße Wasser und da hinein kam die schwere Sau. Knochenarbeit. Beim Brühen wurden schon die ersten Borsten abgeschabt. Der Rest und die Klauen entfernte er, nachdem die Sau auf eine Leiter gehievt war die auf zwei Holzböcken lag. Jetzt wurde sie aufgehängt. Die Haken eines Sielscheites in die starken Sehnen am Fuß eingehängt und wieder hoch an den Wandhaken. Der Metzger schnitt die Sau auf, holte Eingeweide und Innereien heraus und spaltete das Schwein. Nun musste der Fleischbeschauer her. Er prüfte das Fleisch und gab es frei. Inzwischen putzte der Metzger die Därme, Blase und Gallenblase für die Wurst. Neues Wasser musste kochen für das Fleisch und die Darmwurst. Helfer aus der Nachbarschaft trafen ein. Nach der Freigabe des Fleisches wurde zerlegt. Fleisch zum Kochen für die Leberwurst, Wellfleisch, Fleisch für den Schwartemagen und Fleisch für Schinken und zum Braten. Alles dies geschah auf einem großen Tisch im Hof. Eine Helferin war dafür bekannt, dass sie beim Schneiden der Kotelette immer in ein großes Sacktuch schnäuzte und dabei ein oder zwei Kotelette beim Einstecken des Tuches in die Kittelschürze mit hinein verschwanden. Man tolerierte dies, obwohl schon jeder darauf spitzte wann es geschah. Der Schinken und die Wurst wurden später (Tage/Wochen) in der Räucherkammer auf dem Dachboden geräuchert.
Fleisch wurde angebraten, in Gläser gefüllt und im Einmachtopf als Braten eingekocht. Kotelette wurden gebraten, kamen in irdene Töpfe  und wurden mit heißem Schmalz übergossen. Nach dem Erkalten hielten sie sich im kalten Keller wochenlang. Sonntags wurden sie dann mal herausgefischt und in der Pfanne aufgebacken. Ein Teil der Wurst wurde in Ringdosen gefüllt und spät abends dann in neuem Wasser zwei Stunden eingekocht.
Zum Mittagessen war das Wellfleisch gar. Dies bestand aus Bauchfleisch und Nieren. Mit Fleischbrühe, Schweinepfeffer und Salz sowie Brot wurde es gegessen. Ein Metzger reservierte für sich das Schweinehirn. Es wurde gekocht, und dann mit Rührei gebraten. Eine Delikatesse. Außerdem waren die Metzger auch Süßmäuler. Ein Riwwelkuchen gehörte noch zum Programm.
Als Kind wurde man vom Metzger mit einem Sack noch zu irgendwelchen Leuten im Dorf geschickt, um das „Wurstmaß“ zu holen. Meist packten diese einen schweren Stein ein, den man dann nach hause schleppte. Außerdem bekam man die „Wurst angemessen“ indem einem der Metzger mit dem Zeigefinger beim Blutwurstmachen einen blutigen Strich auf die Stirn machte. Vielfach – insbesondere in den Kriegs- und Nachkriegsjahren – wurde die alte Ziege noch geschlachtet und unter die Wurst verarbeitet. Das Schlachten der Ziege geschah heimlich in der Küche. Denn zu dieser Zeit war alles bewirtschaftet, die Schlachtung musste angemeldet und ein Teil des Fleisches (10%) beim Bürgermeister abgegeben werden. Die Ziege war dann eine Schwarzschlachtung.
Ebenfalls im Frühjahr wurden neue Enten gekauft. Die Entenküken standen dann zuerst warm neben dem Küchenherd in einem Karton, wurden dort gefüttert und getränkt. Erst nachdem richtige Federn gewachsen waren und es die Witterung zuließ kamen sie in den Stall. Eine beliebte Unterhaltung am Abend war folgende: Unter der 15-Watt-Glühbirne über dem Küchentisch wurde dieser mit Zeitungspapier ausgelegt. Wir alle setzen uns um den Tisch, Ellenbogen dicht nebeneinander, das Kinn auf den Händen. Nun kamen die kleinen Entchen auf den Tisch. Sie rannten hin und her, mit langen Hälsen den Fliegen nach. Besonderes Vergnügen bereitete es uns, wenn sie Großvaters Schnurrbart entdeckt hatten und je eines links und rechts an den Schnurrbartenden zerrte. Wir lachten dann besonders und auch Opa freute sich.
Eine meiner Aufgaben war es auch, die Enten morgens an die „Bech“, die Rodau zu treiben. Es waren mehrere Entenscharen dort. Jeder hatte seinen eigenen Abschnitt.. Dort blieben die Enten auch. Unser Platz war neben der Brücke an der Seligenstädter Strasse. Daneben die Enten des Doktors. Wir hatten graue Enten mit einem bunten Erpel; Doktors hatten nur weiße Enten. Abends gegen fünf wurden die Enten geholt. Das war wichtig, da die Hauptstraße überquert werden musste. Kam man etwas später, machten sich die Enten alleine auf den Weg. Sie kannten ihren Weg. Manchmal waren sie aber nicht mehr da. Aber wir wussten schon wo wir sie holen konnten. Sie waren dann nämlich mit den Enten des Doktors nach Hause gegangen. Die gingen nämlich alleine, da dieser in der Nähe an der Hauptstraße wohnte. Ich holte sie dann aus dessen Stall. Wenn nur nicht die Hauptstraße gewesen wäre. Mit zunehmendem Verkehr in den Fünfziger-Jahren kam es immer öfter vor, dass Enten überfahren wurden. Also wurden die Enten abgeschafft und nun Hühner gehalten. Dazu wurde der Teil des Hausgartens auf dem früher der Tabak stand zum Hühnerpferch umgestaltet.  
Das Haus Rheinstraße 17 war ein Doppelhaus. Von dieser Art Häuser standen drei nebeneinander. Sie waren für Arbeiter konzipiert und mit Vergünstigungen bei der Finanzierung ausgestattet. Die Arbeiter und künftigen Eigentümer bauten zusammen in Selbsthilfe. Jeder baute bei jedem mit, bis alle drei Doppelhäuser fertig ca. 1924 waren. Es wurden die Materialien angefahren, welche die Frauen und Kinder abluden. So z. B. Zement und Schlacke. Daraus fertigten die Frauen tagsüber Bausteine. In Formen mit den Füssen gestampft und anschließend getrocknet. Abends, nachdem die Männer von der Arbeit zu Hause waren vermauerten sie diese Steine dann.
Räumlichkeiten:
3 Keller wovon einer mit einer Lattentür verschlossen war zur Einlagerung des Eingemachten, der Wurst, des Brotes (die Hange als Holzgestellt freischwebend an der Decke damit die Mäuse nicht dran konnten), der Getränke. In einem Keller wurde Gemüse in die Erde (Mieten) eingeschlagen (z.B. Meerrettich, Lauch, Sellerie, Karotten, Kohl und Rüben), ein anderer war für einige Brikett und etwas Kohle denn es wurde ja überwiegend mit Holz geheizt.
Parterre die große Küche (Hofseite), ein Wohnzimmer und durch welches man in das Schlafzimmer kam (Straßenseite). Durch das Schlafzimmerfenster, welches vormittags zum Lüften offen stand und außerdem die Betten ausgelegt waren, schmiss der Briefbote die Post.
1. OG. Hofseite eine weitere Küche und ein Zimmer welche an Tante Käthe (Halbschwester meiner Mutter)  bzw. später an Tante Emma (Schwester der Oma) vermietet waren. Eine weitere Stube, die nach dem Krieg auch an einen jungen alleinstehenden Flüchtlingsmann vermietet war. Dort standen zwei Betten hintereinander und ich schlief dort ebenfalls. Mit Kommode und Waschlabor. Hinter den Betten waren an der Wand zur Schonung der Tapeten selbstbestickte Wandbehänge. Auf einem stand geschrieben: „Noch ist die blühende goldene Zeit, noch sind die Tage der Rosen.“
 
Ein weiterer Höhepunkt war der Backtag. (Siehe auch gesonderten Artikel Backtag). Dudenhofen hatte zwei Backhäuser, im Oberndorf und im Unterdorf. Letzteres stand neben der Kirche. Dort backte auch Oma. Das Brot wurde per Handkarre dorthin gebracht. Die Benutzung geschah nach Plan. Am Backtag wurde noch ein „Dudenhöfer Käskuchen gebacken. Dazu wurde auf ein großes Blech Brotteig ausgerollt. Darauf kam dann ein Belag aus Käsmatte (Schichtkäse) vermischt mit durchgepressten gekochten Kartoffeln und abgeschmeckt. Obenauf noch Speckwürfel und glasierte Zwiebeln sowie Zimt und Sahne. Mit Ei wurde angepinselt. Diesen Kuchen trug Oma auf dem Kopf (mit Kränzchen) zum Backhaus. Dort lagen dann viele Blechkuchen neben dem „Flößchen“, denn sie wurden zum Schluss gebacken. Ein Mann heizte den Ofen an und wenn er heiß genug war wurde die Glut herausgerissen und der Ofen sauber gemacht. Dazu hatte er eine lange Stange an der an der Spitze ein Lappen befestigt war – der Hurrelumpe. Den tunkte er dann zum Anfeuchten mehrmals ins Flößchen (!)  und fuhr in den Ofen um die restliche Asche und Glutstückchen zu entfernen. Dann wurde eingeschossen. Wir Kinder spielten derweil auf der Strasse. Hinter dem Flößchen, in Fortsetzung des Backhauses war ein kleines Mäuerchen auf dem wir herumhüpften. Eines Tages sprang ich herunter und barfuß mit der Ferse quer durch einen Käskuchen. Großes Geschrei und zehn Hände patschten den Kuchen wieder in Form. Weiteres will ich mir ersparen. Wir Kinder wussten genau wo gebacken wurde. Dann gingen wir dorthin in Erwartung, ein Stück des Käsekuchens zu erhaschen. Er wurde heiß gegessen, meist zu Kartoffelsuppe. Wir Kinder hatten den Kuchen in unseren „dunkelweißen“ Händen und mit dicken Backen wurde er kalt geblasen.
Mit freundlichem Einverständnis von Klaus Becker veröffentlicht hier der Verein "Heimat Geschichte & Kultur in Dudenhofen e.V." kleine Geschichten und Anekdoten, die von Ihm selbst verfasst wurden