Tabakgenuss im 20. Jahrhundert

Einer meiner Urgroßväter, Johann Christian Heller, ist 1861 im unterfränkischen Aufkirchen geboren. Er erlernte den Beruf des Bierbrauers und übte diesen Beruf bei der Familie Michel in Babenhausen (Michelsbräu) aus. Dort heiratete er Eva Katharina Stockum (geb. 1863) aus Höchst i. Odw. Mit ihr zusammen hatte er 10 Kinder, wobei der älteste Sohn in Höchst, die älteste Tochter (geb. 1885), meine Großmutter, in Babenhausen und die anderen Kinder in Dudenhofen (Rodgau) geboren wurden. Bei der Geburt des jüngsten Sohnes 1902 verstarb die Mutter und meine Großmutter mußte nun, als die älteste Tochter, diese ersetzen; Erziehung der jüngeren Geschwister, Haushalt und Gastwirtschaft. Denn nachdem ihr Vater aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr als Bierbrauer arbeiten konnte, hatte er von der Familie Michel um die Jahrhundertwende herum die Gaststätte „Zur Michelsbräu“ in Dudenhofen zur Pacht erhalten.
Sie erzählte mir:
Im Hof lag immer ein großer Haufen mit feinem weißen Rheinsand. Mit Sand und Wurzelbürste wurden die großen weißen Tische geschrubbt (Scheuersand). Außerdem war der Holzboden in der Schankwirtschaft immer mit Sand bestreut. Denn viele der Bauern und Arbeiter priemten (ugs. auch „schoarn“ genannt) und spuckten (speuzten)dann auf den Boden. Also wurde abends spät gerecht und samstags der Sand vollständig hinaus gekehrt und neu eingestreut. In diesem Zusammenhang kann man auch an die früheren Schilder in den Bahnhöfen erinnern: „Das Spucken auf den Perron ist verboten“ (Bahnsteig). Außerdem waren Spucknäpfe aufgestellt.
Und wie war`s mit dem Rauchen?
Am Tag über rauchten die Männer bei der Arbeit meist eine kurze Pfeife, den „Klouwe“. Abends dann kam die große gebogene Pfeife dran. Entweder sie war halblang oder bei reicheren Leuten eine lange Pfeife, die mit dem Pfeifenkopf auf der Erde stand. Zum Anstecken dieser Pfeife brauchte man einen „Fidibus“ aus einem langen Span oder aus
zusammengerolltem Zeitungspapier der im Ofenloch entzündet wurde. Männer die vorne schon Zahnlücken hatten und daher die Pfeife nicht mehr richtig halten konnten, wickelten oft dünne Gummiringe mehrfach bis zu einem dicken Knoten um das Mundstück. Beliebt war auch der Gummiring von Limonadenflaschen. Und so fiel die Pfeife nicht aus dem Mund.
 
Hier gab es drei Arten von Tabak:
Den Feinschnitt – vorwiegend zum Zigarettendrehen.
Den gröberen Krüllschnitt für den „Klouwe“ und
den Grobschnitt; sehr grob geschnittener Tabak, auch mit Rippen drin für die großen Pfeifen.
Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich, wenn ich von Darmstadt aus meinen Opa in Dudenhofen besuchte, jedes Mal vorher in ein Tabakgeschäft am Marktplatz ging, um ihm eine Päckchen Grobschnitt zu kaufen. Er war immer sehr dankbar dafür und freute sich sehr.
 
Ansonsten rauchten die Männer Zigarren oder Stumpen. Werktags qualmte der Stumpen denn er war billiger; obwohl es auch hier qualitäts- und preismäßige Unterschiede gab. Reichere Bauern oder Handwerker und Kaufleute konnten Zigarren rauchen. Aber auch die anderen leisteten sich an Sonn- und Feiertagen eine Zigarre. Die ärmeren Männer kauften dann die „Fehlfarben“, eine Zigarre mit leichten Farbfehlern und mit Preisnachlass. „Geb` e mal e 40er-Zigarr aus de 80er-Kist!“ Ganz Sparsame steckten noch den Zigarren- oder Stumpenstummel in den „Klouwe“ und rauchten bis nichts mehr da war.
Zigarren und Stumpen verkaufte auch der Wirt in den Wirtschaften.
Von Zeit zu Zeit kam daher ein Händler und fragte nach, ob beim Wirt noch genügend Vorrat an Tabakwaren vorhanden war. Die Zigarren hatte er nicht im Kistchen sondern zu je zehn Stück gebündelt; zusammengehalten von zwei Seidenbändchen mit dem jeweiligen Markennamen. Da man ja sparsam war, hat meine Großmutter diese Bändchen gesammelt und mit feinsten Stichen von Hand zu Seidentüchlein zusammen genäht. Ein Muster lege ich bei.
Zigaretten waren nur etwas für ganz reiche Leute. Wer konnte schon ein ganzes Päckchen Zigaretten kaufen? Erst im1. Weltkrieg kamen, wahrscheinlich aus logistischen Gründen, die Zigaretten zuerst einmal für die Soldaten und dann auch für den Normalbürger in den Handel und waren erschwinglich. Eine weitere Erscheinung des Krieges war das Inhalieren. Früher wurde nur gequalmt. Und nun ging der Rauch auch über die Lunge, mit den bekannten Folgen. Allerdings nicht für die Zigarren- und Stumpenraucher, denn wer hat schon einmal probiert, den Rauch einer schweren Zigarre zu inhalieren? Da läuft man schon mal im Kreis oder läuft grün an. Mein Opa jedenfalls hat bis zum 92sten Lebensjahr Pfeife, Stumpen und Zigarren geraucht- aber nie im Leben inhaliert.
Nicht zu vergessen ist der „Scheierbambler“ aus Kriegsjahren (1. und 2. Weltkrieg) und der jeweilig darauf folgenden schlechten Nachkriegsjahre bis 1925 und später 1948.
 
In den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden in Dudenhofen von einer Siedlergesellschaft für Arbeiter drei Doppelhäuser gebaut. Dazu wurden billige Kredite vergeben und außerdem mußten die künftigen Besitzer täglich Eigenhilfe leisten. Und so kam es, daß Großmutter und andere Frauen tagsüber aus angelieferten Schlacken mit Zement Backsteine formten. Sobald diese getrocknet waren wurden sie von Opa, der als gelernter Maurer in Offenbach arbeitete, in Gemeinschaftshilfe mit den anderen, vermauert. Und so hatten dann nach langer Bauzeit sechs Arbeiterfamilien je ein zweistöckiges Häuschen. Im Keller waren Vorrats- und Kartoffelkeller, im EG eine große Küche, die „Gut Stubb`“ und die Schlafstube. Im OG waren zwei Stuben und eine kleine Küche und im Dachgeschoß ein ungeheiztes Dachstübchen, eine Mansarde und die Räucherkammer.
In einem Seitenbau waren die Waschküche, Plumpsklo, Hühner- und Ziegenstall sowie Schweinestall. Im Obergeschoß des Seitenbaues war Platz für Futter, Stroh und „Wellen“,
d. h. gebündeltes trockenes Holz aus Zweigen und dünnen Ästen. Dieses Holz wurde zum Anheizen des Waschkessels gebraucht. Außerdem mußte eine gewisse Menge mitgenommen werden, wenn es zum Brotbacken ins Backhaus ging.
Der Waschkessel war ein wichtiges Utensil. Heißes Wasser am Samstag zum Baden, am Waschtag wurde die Wäsche gekocht; es wurde „Latwäje“, d. h. Latwerge = Zwetschenmus gekocht und außerdem war er wichtig am Schlachttag. Erst heißes Wasser zum Brühen des Schweines, dann Kochen des Fleisches und zum Schluß das Brühen der Wurst. Später dann noch das Kochen der Dosen mit Wurst und Fleisch und das heiße Waschwasser für die Reinigung der Gerätschaften und der Waschküche.
Hinauf auf den Seitenbau ging`s über eine steilen Stiege. Anschließend war noch ein Holzschuppen für Feuerholz, Hackklotz und Hasenställe.
Auch Opa hatte ein Stück vom Hausgarten belegt und dort Tabakpflanzen angebaut. Zuerst wurde genau nach Vorschrift geerntet, getrocknet, fermentiert und geschnitten. Zum Trocknen hing der Tabak an Fäden im offenen Obergeschoß des Seitenbaues.
Meine Eltern waren Anfang der 30er Jahre nach Darmstadt gezogen. Mein Vater war Rechtspfleger und in Darmstadt beschäftigt. Doch immer wieder zog es uns nach Dudenhofen. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren der Versorgung wegen.
Nach dem Großangriff auf Darmstadt am 11. Sept. 1944, den meine Mutter und ich, Gott-sei-Dank, erst einmal körperlich unversehrt überstanden hatten, wurde ich aus der zerstörten Stadt vorübergehend zu den Großeltern geschickt und ging auch dort zur Schule. Später dann verbrachte ich abwechselnd meine Ferien in Dudenhofen oder aber bei meiner Tante Eva Friedel, einer Schwester meiner Oma, in Höchst am damaligen Mühlweg (Centallmenweg). Jedenfalls gehörte es auch zu meinen Aufgaben in Dudenhofen, mit der Ziege ins Feld zu gehen um diese fressen zu lassen und gleichzeitig Hasenfutter zu machen. So vergingen die Nachmittage. Natürlich wurde dabei auch gespielt und zu den jeweiligen Ziegen hatte ich ein inniges Verhältnis. Fast jedes Jahr war es eine neue Ziege, die dann wegen der Milch ein Lamm bekam. War das Lamm groß und konnte gedeckt werden, wurde die alte Ziege beim Schlachtfest mit verarbeitet. Eine der Ziegen hatte gleich den Dreh heraus wie sie „Schlupp-die-Wupp“ die steile Stieg hoch sprang wenn ich oben war. Doch dies ging schief:
Eines Tages kam Opa abends von der Arbeit nach hause. Da stand die Ziege oben im Seitenbau, schaute aus der Fensteröffnung und gerade verschwand das letzte Tabakblatt in ihrem Maul. Sie hatte den ganzen „Scheierbambler“ gefressen! Wenn man bedenkt: Ein Gramm Nikotin ist tödlich – und die hatte vielleicht ½ Zentner Tabak gefressen und überlebt!
Die Ziege und auch ich – wir bekamen unsere Abreibung. Jedenfalls hing nie mehr Tabak am Seitenbau. Abends kam der Opa vom Bahnhof, ging in den Garten, brach die untersten Tabakblätter ab – gelb oder grün - war egal. Dann machte er den Backofen am Herd in der Küche auf (der ja sommers wie winters zum Kochen mit Holz beheizt wurde), legte die Blätter auf ein Blech hinein, ließ die Tür offen stehen und ging zum Waschen in die Waschküche. Wenn er zurück kam waren die Blätter dürr. Mit seinen rauen Maurerhänden zerrieb er sie, steckte sie in die Pfeife und die Sache war erledigt. Abends hatten wir nie Mücken in der Küche!
 
Doch zurück zu den Dorfkneipen: Diese waren oft ziemlich verräuchert. An manchem Stammtisch oder bei mancher Skatrunde hat man die Köpfe nicht mehr gesehen – nur noch die Beine. Und niemand hat gemault. Erst nachdem der letzte Gast gegangen war und am Morgen zum Saubermachen wurden die Fenster aufgerissen.
Schräg gegenüber der „Michelsbräu“ war eine Dorfschmiede. Alle Stund` schlug der Meister seine dicke Lederschürze quer über und kam an den Tresen: „Geb`  e mol e Werfche!“ Dies war ein Glas Schnaps, beinahe das dreifach eines heutigen 2cl-Glases. Mit einem Schwupp wurde das Glas geleert und er ging zu seinem Amboss zurück.
Zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts war der Schnapsverbrauch ein Vielfaches vom heutigen Verzehr. Die überwiegend klaren Schnäpse (Korn-, Zwetschen-, Kümmel- oder der geschmacksneutrale Kartoffelschnaps) waren im Ausschank. Diese Schnäpse standen ungekühlt auf dem Tresen. In manchen Theken waren auch runde, mit Blech ausgeschlagene Löcher, in denen die Schnapsflaschen bis zum Hals standen. Eiskalte Schnäpse gab`s nicht und waren auch verpönt, da man das Aroma nicht genießen konnte. Jedenfalls wurde bei der vielfach schweren Arbeit der Kalorienschub schnell wieder verbrannt.
Der Schmied Kratz hatte auch einen Sohn. Er heiratete meine Großmutter obwohl sie schon eine Tochter von einem anderen Dorfjungen hatte. Dieser war vor der Hochzeit an den Folgen einer Krankheit gestorben die er von der Fremdenlegion mitgebracht hatte.
Jedenfalls hatte Oma in der Wirtschaft und in der Familie so gut kochen gelernt, dass sie später immer dann geholt wurde, wenn eine Hochzeit oder eine sonstige Feierlichkeit anstand und viele Gäste zu verköstigen waren. Die „Heller Gret“ wurde oft gebraucht. Der angeheiratete Name „Kratz“ wurde auch nach ihrer Hochzeit im Dorf nie gebraucht; im Gegenteil der Opa wurde dann auch „Heller Philipp“ genannt.
Ein traditionelles Hochzeitsessen war gekochtes Rindfleisch. Da gab erst einmal eine kräftige Suppe mit „Mehlriwwel“ vorweg. Dann das sehr weich gekochte Rindfleisch, dazu Meerrettich und Weißbrot. Im Offenbacher Land hieß es: „Die Durrehäiwer fresse de Meerrettich schubkarrnweis!“ Dazu wäre zu erwähnen, daß in der ganzen Gemarkung, vorwiegend entlang dem Bächlein „Rodau“, wild jede Menge Meerrettich wuchs. Dieser wurde gestochen, gewaschen, geschält, in 2cm-Stücke geschnitten und sodann gekocht. Dadurch verlor er seine Schärfe und schmeckte mehr wie Schwarzwurzeln. Der Meerrettich kam in eine weiße Mehlschwitz-Soße, die mit einer Unmenge Eier abgebunden war. Sie sah nun ganz gelb aus.
 
Und was war nach dem guten Essen?
 
Es wurde geraucht! Zur Feier des Tages „e guud Siggar!
 
PS.: Dem Museum Bad König habe ich außer dem Seidentüchlein aus Zigarrenbändchen noch zwei Rollen von meiner Oma gehäkelten Borten übergeben.

 

Mit freundlichem Einverständnis von Klaus Becker veröffentlicht hier der Verein "Heimat Geschichte & Kultur in Dudenhofen e.V." kleine Geschichten und Anekdoten, die von Ihm selbst verfasst wurden